Offenheit und Geschlossenheit
Die Grundpolarität, aus der das ganze Buch seine Spannung bezieht.
El-Mafaalani setzt nicht bei »Migration« an, sondern eine Ebene tiefer: bei der offenen Gesellschaft im Sinne Poppers. Sie ist das eigentliche Subjekt der Analyse. Migration ist nur ihr sichtbarster Stresstest. Aus dem Begriffspaar Offenheit / Geschlossenheit entwickelt der erste Teil die gesamte Architektur des Buches.
1Was die offene Gesellschaft ist
Die offene Gesellschaft schreibt den Menschen kein Ideal vor, sondern ermöglicht Austausch, Kooperation und Streit. Sie steht in der Tradition von Liberalismus und Demokratie; in ihrem fortgeschrittenen Stadium ist sie eine liberale Migrationsgesellschaft. Man erkennt sie an einem Paradox im Kleinen: Wir streiten immer intensiver über Ungleichheit — während sich diese Ungleichheiten verringern.
Wir diskutieren derart intensiv, dass aus dem Blick gerät, dass sich die Teilhabechancen für Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, LSBTIQ*, Ostdeutsche und Menschen mit Behinderung ganz wesentlich verbessert haben.
Teil I, S. 182Innere und äußere Offenheit
Zwei Bewegungsrichtungen strukturieren das Buch. Innere Offenheit meint die Verschiebung der Teilhabe- und Zugehörigkeitsgrenzen innerhalb einer Gesellschaft — man könnte auch »Integration« sagen. Äußere Offenheit meint die Verschiebung der Grenzen zwischen Gesellschaften — kurz: Globalisierung. Die Teile III und IV sind genau nach diesen beiden Achsen gebaut.
3Schließung als Reaktion auf Öffnung
Jede Öffnung stößt an Grenzen und erzeugt Gegenbewegungen. Nachfahren von Migrant:innen fragen, was sie noch tun müssen, um vollständig dazuzugehören; Alteingesessene fürchten, Heimat und Identität zu verlieren. »Beide haben irgendwie recht.« Die Schließungsbewegungen — Islamismus wie Nationalismus, Populismus, Rechtsextremismus, religiöser Fundamentalismus — könnten unterschiedlicher kaum sein, teilen aber zwei Prinzipien.
| Gemeinsames Prinzip | Bedeutung |
|---|---|
| Exklusivität | Bewegungen der Schließung — sie ziehen Grenzen, statt sie zu öffnen. |
| Vergangenheitsorientierung | »Zurück in die Zeit, als wir noch groß und für uns waren.« |
Nationalismus, Populismus und Rechtsextremismus sind genauso Gegenbewegungen gegen die offene Gesellschaft, wie es religiöser Fundamentalismus und Terrorismus sind. […] Sie sind exklusive Bewegungen der Schließung und sie sind vergangenheitsorientiert.
Teil I, S. 22–234Scheitern an den eigenen Erfolgen
Der Schlüsselgedanke des ersten Teils, der dem ganzen Buch die Richtung gibt: Die Gefahren der offenen Gesellschaft erwachsen nicht aus ihrem Versagen, sondern aus ihrem Gelingen. Das Sichnäherkommen der Kulturen wirkt beengend und begünstigt Rückbesinnung — nicht trotz, sondern wegen der gewachsenen Nähe.