Das Integrationsparadox
Vorwort zur Neuausgabe · S. 9–13

Vom Pessimismus zum Optimismus

Wie eine soziologische Diagnose ihre Tonlage wechselte, ohne ihren Inhalt zu ändern.

Das Vorwort der Neuausgabe ist mehr als ein Vorspann: Es erzählt die Wirkungsgeschichte der These und liefert zugleich den Schlüssel zu ihrer Logik. Dieselbe Gegenwartsdiagnose — gelungene Integration führt zu mehr Konflikten — galt 2013 als pessimistisch und wurde 2018 als Mutmacher gefeiert. El-Mafaalani fragt: Warum?

1Die »witzige Truppe« und das offene Land

El-Mafaalani eröffnet mit einer Momentaufnahme aus dem Jahr 2013: In der Bundesregierung saßen Personen, die je für sich Minderheitenmerkmale aufwiesen; zeitgleich regierte mit Barack Obama erstmals ein Schwarzer im Weißen Haus. »Man konnte glauben, man sei am Ziel.« Genau in dieser Lage formulierte er in seiner Antrittsvorlesung an der FH Münster die These, die damals als düster empfunden wurde.

Kernidee Die These ist älter als das Buch. Sie entstand im Moment scheinbar gelungener Öffnung — und gerade deshalb wirkte ihr Hinweis auf wachsende Konflikte irritierend.

Mein Vortrag mit der These, dass gelungene Integration zu mehr Konflikten führe, wurde damals — im Jahr 2013 — als eher »pessimistisch« bezeichnet.

Vorwort, S. 9–10

2Dieselbe Diagnose, umgekehrt gelesen

Fünf Jahre später, 2018, gab El-Mafaalani der These einen Namen und veröffentlichte sie als Buch. Die Resonanz war enorm — und das Buch wurde nun als optimistisch, von manchen sogar als »zu optimistisch« gelesen. Den Autor beschäftigte gerade dieser Stimmungswechsel: Wie kann eine unveränderte Analyse zwei entgegengesetzte Gefühle auslösen?

Dennoch hat mich seither beschäftigt, wie die gleiche Gegenwartsdiagnose, die noch fünf Jahre zuvor als pessimistisch wahrgenommen wurde, plötzlich durchweg als positiv, konstruktiv und optimistisch gedeutet wird.

Vorwort, S. 11

3Drei Erklärungen für die Wendung

El-Mafaalani bietet drei Gründe an, warum dieselbe Diagnose ihre Tonlage wechselte. Sie bilden zugleich eine kleine Theorie der öffentlichen Stimmung.

ErklärungMechanismus
Der Realist als OptimistWenn alle pessimistisch werden (AfD, PEGIDA, Terroranschläge, Trump, Brexit), wirkt der nüchterne Realist wie ein Hoffnungsträger.
Verstehen stimmt positivSolange das diffuse Durcheinander der Klagen unsortiert blieb, schien »alles falsch zu laufen«. Wer Ordnung ins Bild bringt, erzeugt ein positives Gefühl.
Paradoxien machen handlungsfähigUnbegriffene Paradoxien hemmen und überfordern; sobald man sie auf einen Begriff bringt, wirken sie interessant — aus Hemmung wird Handlungsfähigkeit.

Erstens: Wenn alle pessimistisch werden, wirkt der Realist wie ein Optimist. […] Zweitens: Wenn man etwas versteht, dann stimmt es positiv. […] Drittens: Paradoxien an sich begünstigen die Extreme.

Vorwort, S. 10–11
Nicht die Welt wurde besser oder schlechter — die Deutungsangebote änderten sich. Wer ein Paradox versteht, wird aus dem Ohnmächtigen ein Handelnder.

4Was die Neuausgabe hinzufügt

Die Neuausgabe aktualisiert den gesamten Text und fügt ein neues Schlusskapitel hinzu. El-Mafaalani markiert eine bemerkenswerte Eigenheit der Erstausgabe: Der titelgebende Begriff selbst kommt im ursprünglichen Haupttext kein einziges Mal vor. Erst Teil VI fragt ausdrücklich: Was ist das Integrationsparadox? Zugleich rückt das Buch das Thema Migration als einen, aber nicht den einzigen Zugang zur offenen Gesellschaft zurecht — die Corona-Krise habe gezeigt, dass die Bruchlinien grundsätzlicher Natur sind.

Preis für öffentliche Wirksamkeit
Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie für El-Mafaalani.
»Konfliktpotenzial«
Ein Textauszug (S. 81–82) wurde zum Rap-Song — Zeichen der ungewöhnlich breiten Resonanz.