Innere Offenheit, innere Konflikte
Hier wird das Paradox an der Tischgesellschaft sichtbar.
Der dritte Teil ist das längste und wichtigste Kapitel. Hier führt El-Mafaalani seine berühmte Tisch-Metapher ein, formuliert das Diskriminierungsparadox und zeigt, warum gerade gelingende Integration Rassismus, Identitätsstreit und Radikalisierung neu entfacht. Die Pointe: All das sind keine Symptome des Scheiterns, sondern des Erfolgs.
1Die Mär von der konfliktfreien Gesellschaft
Wer Integration an Konfliktfreiheit misst, legt einen unrealistischen Maßstab an — und wird zwangsläufig immer unzufriedener, je mehr Ziele erreicht werden. Die vielen Integrationsbegriffe (strukturelle, kulturelle, soziale, emotionale Integration usw.) seien begründbar, aber sie verstellten den Blick auf die eine gemeinsame Folge: Gelingt Teilhabe, wird die Gesellschaft nicht homogener, sondern konfliktreicher.
Wenn Integration oder Inklusion oder Chancengleichheit gelingt, dann wird die Gesellschaft nicht homogener, nicht harmonischer und nicht konfliktfreier. Nein, das Gegenteil ist viel wahrscheinlicher.
Teil III, S. 792Die Tisch-Metapher
Das zentrale Bild des Buches — jener Textauszug (S. 81–82), der sogar zum Rap-Song wurde. El-Mafaalani beschreibt Integration als dynamischen Prozess über drei Generationen an einer Tafel: Die Erste sitzt bescheiden am Boden oder Katzentisch, froh, überhaupt da zu sein. Die Zweite setzt sich an den Tisch und will einen guten Platz und ein Stück Kuchen. Die Dritte will nicht mehr nur mitessen — sie will mitbestellen und die Tischregeln mitgestalten.
Die Enkel der Migranten möchten nicht mehr nur am Tisch sitzen und ein Stück vom servierten Kuchen bekommen. Sie wollen mitbestellen. Sie wollen mitentscheiden, welcher Kuchen auf den Tisch kommt. Und sie wollen die alten Tischregeln, die sich entwickelt und etabliert haben, bevor sie dabei waren, mitgestalten.
Teil III, S. 81–82Wie kommt man eigentlich auf die Idee, dass es ausgerechnet jetzt harmonisch werden soll? Diese Vorstellung ist entweder naiv oder hegemonial. Das wäre Multikulti-Romantik oder Monokulti-Nostalgie.
Teil III, S. 803Das Diskriminierungsparadox
Die Mikro-Variante des großen Paradoxes: Über Diskriminierung wird heute lauter und härter gestritten — obwohl (und gerade weil) es weniger Diskriminierung gibt als vor dreißig oder vierzig Jahren. Sinkende Diskriminierung und wachsende Diskriminierungskritik laufen gleichzeitig in entgegengesetzte Richtungen. Wer den Maßstab der Gleichbehandlung verinnerlicht hat, reagiert empfindlicher auf die verbliebenen Verstöße.
Zeitgleich mit dem Rückgang der Diskriminierung findet in der Gesellschaft ein gegenläufiger Prozess statt: Wir diskutieren und streiten über Diskriminierung, als wäre es schlimmer geworden, wodurch sich der Diskurs aus einer anderen Richtung verschärft.
Teil III, S. 1074Identität, Islam, Salafismus als Jugendprotest
Auf den langen Mittelstrecken dieses Teils behandelt El-Mafaalani »Assimilation ist Blödsinn«, den Wandel von Identitäten und — viel beachtet — den Salafismus als eine Form des Jugendprotests: eine Gegenkultur, die gerade in der offenen Gesellschaft Anziehungskraft entfaltet, weil sie radikale Differenz und klare Ordnung verspricht. Die Frage »Gehört der Islam zu Deutschland?« entlarvt er als sprachlich unentscheidbar, weil jeder ihrer Bestandteile mehrdeutig ist.
Allein dass sich die Frage stellt, zeigt, dass wir schon sehr weit sind. In den 1990ern wäre die Frage ein schlechter Witz gewesen […], weil die Antwort ein bedingungsloses Nein gewesen wäre.
Teil I/III, S. 21 (vgl. S. 154)5Konflikte bringen eine Gesellschaft voran
Der theoretische Kern: El-Mafaalani stellt seine These ausdrücklich in die Tradition von Marx, Simmel und Weber sowie der Konfliktsoziologie Cosers und Dahrendorfs. Konflikt ist keine Störung des Sozialen, sondern dessen Motor. Sozialstaat, Demokratie, Geschlechtergerechtigkeit, Menschenrechte — alles Ergebnisse erstrittener und schließlich konstruktiv bewältigter Konflikte.
Konflikte sind es, die die offene Gesellschaft zusammenhalten. Dann ist Streitkultur die beste Leitkultur.
Teil III, S. 163| Konflikte unterdrücken | Konflikte konstruktiv bewältigen |
|---|---|
| Unkontrollierte Entladung, destruktiver Umgang | Soziale Innovation, Fortschritt, Zusammenhalt |
| Scheinharmonie durch Zwang | Erkennbare Differenz, ausgehandelte Ordnung |