Integration und Wandel
Die empirische Grundlage: Es wird besser — und gerade deshalb unzufriedener.
Bevor El-Mafaalani sein Paradox entfaltet, muss er eine kontraintuitive Tatsache belegen: dass Integration in Deutschland tatsächlich gelingt — besser als je zuvor. Erst auf diesem empirischen Fundament wird das Paradox plausibel: Die wachsende Unzufriedenheit ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern eine Folge gestiegener Erwartungen.
1»Integration gelingt!«
Eine Bewertung braucht einen Vergleichsmaßstab. Historisch, international und regional betrachtet, sagt El-Mafaalani, lässt sich der Erfolg der Integration »in jeder Hinsicht und ohne Einschränkungen« belegen. Wer das bestreitet, möge sich fragen, ob er die Asyl- und Integrationspolitik früherer Jahrzehnte überhaupt kennt.
Die Integration ist heute so gut, wie sie noch nie in der deutschen Geschichte war. Wer sich jetzt wundert, sollte sich kritisch fragen: Weiß ich überhaupt, wie es den Migrantenfamilien damals erging?
Teil II, S. 332Das Geschwister-Beispiel
El-Mafaalanis liebstes Erklärungsmodell: Zwei Geschwister, beide beruflich erfolgreich. Die Schwester hat objektiv den höheren Status, ist aber unzufrieden, weil ihre Erwartungen und der Konkurrenzdruck noch schneller gewachsen sind — bis zum Burn-out. Der Bruder, objektiv schlechter gestellt, ist zufrieden, weil schon kleine Verbesserungen seine bescheideneren Erwartungen übertreffen. Wahrnehmung folgt nicht der objektiven Lage, sondern der Differenz zwischen Lage und Erwartung.
Es kommt nicht auf die zu bewältigenden Probleme an, sondern auf die zu erfüllenden Erwartungen.
Teil II, S. 323Begriffe schaffen Realitäten
Ein eigenes Kapitel widmet El-Mafaalani der Sprache der Integrationsdebatte (»Biodeutsch oder Postmigrant?«). Begriffe sind nicht neutral: Sie strukturieren, was überhaupt wahrnehmbar und zählbar wird — etwa als der »Migrationshintergrund« statistisch erfasst wurde und damit eine neue soziale Tatsache schuf. Zugleich warnt er vor der Begriffsinflation, die mit immer feineren Unterkategorien (Integration, Inklusion, Diversity, Teilhabe, Chancengleichheit …) den Blick aufs Wesentliche vernebelt.
4Die Unsitte der Alternativlosigkeit
Politisch gewendet kritisiert El-Mafaalani das Wort »alternativlos«: Nichts Politisches sei je ohne Alternative. Von Thatchers »There is no alternative« bis zur deutschen Gegenwart habe die Behauptung der Alternativlosigkeit gerade jene Kräfte genährt, die sich als »Alternative« inszenieren. Demokratie lebt vom offenen Streit über Wählbares — nicht von der Stilllegung der Auswahl.