Äußere Offenheit, äußere Konflikte
Dasselbe Paradox auf der Weltbühne: globale Öffnung und ihre Reibungen.
Was Teil III nach innen zeigt, überträgt Teil IV auf die globale Ebene. El-Mafaalani räumt mit Wahrnehmungsmythen auf: Die Welt wird in fast allen Indikatoren besser — und gerade das treibt die Migration. Die gefühlte Dramatik der Zahlen und ihre tatsächliche Größenordnung klaffen weit auseinander.
1Die Welt schrumpft — und wächst
Äußere Offenheit heißt Globalisierung: Die Gesellschaften rücken zusammen (die Welt »schrumpft«), während zugleich Weltbevölkerung, Wohlstand und Vernetzung wachsen. Beide Bewegungen erhöhen die Berührungsflächen — und damit die Reibung. Das ist die globale Entsprechung zur inneren Tischgesellschaft.
2Es wird besser, also steigt die Migration
Das kontraintuitivste Kapitel des Teils: Einkommen, Lebenserwartung, Alphabetisierung steigen weltweit, Armut und Kriegsopfer gehen langfristig zurück. Dennoch — oder gerade deshalb — nimmt die Migration zu. Denn Migration über weite Strecken verlangt Geld, Gesundheit und Netzwerke. Aus den allerärmsten Ländern wandert kaum jemand aus; erst beginnender Wohlstand macht Migration möglich.
Verbessern sich Lebensniveau und Lebenserwartung in einem Entwicklungsland, steigert das — zumindest zeitweise — die Auswanderung aus diesem Land. Derzeit verzeichnen wir praktisch keine Zuwanderung aus den ärmsten Ländern der Welt.
Teil IV, S. 191Zur Einordnung der Zahlen: Der Anteil internationaler Migrant:innen an der Weltbevölkerung stieg von 1965 bis 2015 nur von ca. 2,5 % auf 3,5 % — trotz Verdopplung der Weltbevölkerung. Die absolute Zahl wächst, der relative Anteil bleibt moderat. Die gefühlte Dramatik übersteigt die statistische (S. 190–191).
3Die Illusion der Ursachenbekämpfung
Die populäre Forderung, durch Entwicklungshilfe »Fluchtursachen zu bekämpfen« und so die Zuwanderung kurzfristig zu senken, nennt El-Mafaalani einen Mythos — die Forschung deute auf den gegenteiligen Zusammenhang. Zugleich verlangt er Ehrlichkeit: Europa trage durch unfaire Handelsabkommen, Subventionen und Waffenlieferungen selbst zu Migrationsursachen bei. Im Kern gehe es um die Bereitschaft, Wohlstand zu teilen.
Man müsste sich ehrlich eingestehen, dass es darum geht, Wohlstand zu teilen. Danach sieht es aber derzeit nicht aus.
Teil IV, S. 1954Kein »Kampf der Kulturen«
Gegen Samuel Huntingtons These vom »Clash of Civilizations« setzt El-Mafaalani: Ein zu schnelles Näherkommen führte zum Zusammenprall — danach sehe es nicht aus. Realistisch sei vielmehr ein langsameres Näherkommen, das Reibungen und Schließungstendenzen erzeugt. Islamismus im Orient und Nationalismus im Westen sind danach spiegelbildliche Abwehrreaktionen auf dieselbe globale Annäherung.
| Im Orient | Im Westen |
|---|---|
| Angst vor »Verwestlichung des Morgenlands« | Angst vor »Islamisierung des Abendlands« |
| Rückbesinnung → Islamismus | Rückbesinnung → Nationalismus / Populismus |