Die offene Gesellschaft und ihre Grenzen
Wo die Öffnung an ihre Belastungsgrenzen stößt — und wie sie sich bewahren lässt.
Der fünfte Teil bündelt die Schließungstendenzen zu einer Diagnose des Populismus und entwickelt daraus El-Mafaalanis politisches Programm: Nicht mehr Offenheit gegen Schließung und auch nicht umgekehrt, sondern eine Kultur des konstruktiven Streits, die die offene Gesellschaft trägt.
1Globale Schließungstendenzen
Islamismus, Nationalismus, Regionalismus und Populismus erscheinen als Familie von Gegenbewegungen. Ihre Anhänger »würden es keine zehn Minuten gemeinsam im selben Raum aushalten« — und doch eint sie ein Motiv: der Widerstand dagegen, dass mehr Menschen am Tisch sitzen, einen guten Platz und Mitsprache über die Tischregeln beanspruchen. In Nordamerika heißt das backlash.
Sie vereint, dass sie etwas dagegen haben, dass mehr Menschen am Tisch sitzen, einen schönen Platz am Tisch und ein Stück vom Kuchen haben wollen, und dass sie mitentscheiden wollen, welche Regeln zu Tisch gelten.
Teil V, S. 2292Mehr Offenheit oder mehr Schließung?
Auf die durch Öffnung entstandenen Reibungen mit noch mehr Öffnung zu reagieren, sei wenig aussichtsreich — durch Schließung ließe sich aber ebenso wenig gewinnen. Beide Extreme verstärken die Gefahren. Auch der Mauerbau (Trumps »I will build a great wall!«) ist symbolische Schließung, die historisch selten geholfen hat. El-Mafaalanis Ziel ist nicht maximale Öffnung, sondern der Erhalt der Offenheit — »überhaupt kein Selbstläufer«.
Es ist deutlich besser belegt, dass Mauern bauende Kulturen und Gesellschaften regelmäßig untergegangen sind. […] Die einzigen mir bekannten weltoffenen und sympathischen Menschen, die Mauern lieben, [sind] Archäologen.
Teil V, S. 2283Die Zeitlogik des Populismus
El-Mafaalanis prägnanteste Formel für den Populismus liegt in seiner Haltung zu den drei Zeiten: Er entwirft eine glorreiche Vergangenheit, dramatisiert eine konfliktreiche Gegenwart und malt eine negative Zukunft. Dagegen setzt der Autor einen konstruktiven Dreiklang: kritischer Umgang mit der Geschichte, Streitkultur in der Gegenwart, positive Ideen für die Zukunft.
4Streitkultur statt Leitkultur
Der politische Kern des Buches: Was die offene Gesellschaft zusammenhält, ist nicht eine vorgegebene Leitkultur, sondern die Fähigkeit zum gepflegten Streit. Eine Leitkultur ist nicht einfach da, sie muss ausgehandelt werden — und zwar mit allen, die heute am Tisch sitzen.