Das Integrationsparadox — ein Update
Das neue Schlusskapitel, das den titelgebenden Begriff erstmals ausbuchstabiert.
Dieses Kapitel kam erst mit der Neuausgabe hinzu — und es löst ein Versprechen ein, das der ursprüngliche Text offenließ: Im gesamten Haupttext von 2018 fällt der Begriff »Integrationsparadox« kein einziges Mal. Hier definiert El-Mafaalani ihn, systematisiert die jüngsten Entwicklungen und stellt die Verbindung zur Identitätspolitik her.
1Was ist das Integrationsparadox?
El-Mafaalani bündelt seine These zu drei verschränkten Ebenen (Anm. 56, S. 278). Sie zeigen, dass das Paradox nicht nur die Eingewanderten, sondern die ganze Gesellschaft betrifft.
2Identitätspolitik von und gegen »weiße Männer«
Die neue Zusammensetzung am Tisch zeigt sich exemplarisch an der Sprache. Eine politisch korrekte, diskriminierungskritische Sprache repräsentiert die neuen Teilhabenden — entfacht aber zugleich den Streit, weil man dann oft über das Medium Sprache statt über die Sache streitet. El-Mafaalani unterscheidet präzise: Viele verwechseln Meinungsfreiheit (verfassungsrechtlich geschützt) mit Deutungshoheit (von vielen Seiten umkämpft).
Viele verwechseln Meinungsfreiheit mit Deutungshoheit. Ersteres wird verfassungsrechtlich geschützt, Letzteres wird von vielen Seiten bekämpft. »Man wird doch wohl noch sagen dürfen« gilt für jede:n Sprecher:in und jede:n Kritiker:in.
Teil VI, S. 2663Der Dreiklang der Überhitzung
Warum überhitzt der gesellschaftliche Diskurs gerade jetzt? El-Mafaalani nennt drei zusammenwirkende Öffnungen, die je für sich positiv sind, in der Summe aber überfordern: mehr Teilhabe, neue (digitale) Medien und der Wegfall von Tabus.
| Öffnung | Wirkung |
|---|---|
| Teilhabezuwachs | Immer mehr und unterschiedlichere Menschen wollen und können mitreden. |
| Neue Medien | Diskurs rund um die Uhr; der Journalismus verliert seine Gatekeeper-Rolle — alle können mitmachen. |
| Tabubrüche | Kaum noch Tabus — inhaltlich lässt sich über alles reden. |
In dreierlei Hinsicht wurde die Gesellschaft also geöffnet — eigentlich eine positive Entwicklung. Gleichzeitig überfordert uns genau das.
Teil VI, S. 2644Die neue politische Achse
El-Mafaalani diagnostiziert eine zweite Konfliktlinie quer zu links / rechts: offen gegen geschlossen. Das Grundgesetz selbst biete keine Orientierung mehr, denn es ist die Verfassung der offenen Gesellschaft — und schützt zugleich ihre Gegner. Mit der neuen Achse kämen zwei junge Parteien am besten zurecht.
Nicht mehr nur rechts und links vermögen die Verhältnisse abzubilden, sondern auch offen und geschlossen. Mit dieser neuen politischen Achse kommen zwei Parteien besser zurecht als alle anderen, auch weil sie relativ jung sind.
Teil VI, S. 2675Fragen zur Zukunft
Statt fertiger Lösungen endet das Buch mit Fragen: nach Teilhabe und Gleichheit (»Gleichheit in der Differenz«), nach Zusammenhalt in einer orientierungslosen Mitte. El-Mafaalani schlägt einen Rollentausch vor: Wo die etablierte Politik nur noch bremst, könnten Zivilgesellschaft, Kunst, Wissenschaft und Religionsgemeinschaften zum »Gaspedal« der Entwicklung werden.
Das sind schlechte Zeiten für Menschen, die Ordnung und Harmonie lieben, aber recht gute Zeiten für Demagogen und Verschwörungstheoretiker.
Teil VI, S. 268